Einige Meereswellen begleiten uns noch 20 km, dann zieht die E6 ins Landesinnere und führt uns über 400 m Höhe. Die letzten Birken bleiben zurück, wir erreichen die baumlose, wellige Hochebene. Eine grandiose, fremde und faszinierende Landschaft, abseits der Strasse noch ziemlich im Griff des Winters. Nichtsdestotrotz sind Velofahrer, dick eingepackt, unterwegs und die hübschen, Holz-Ferienhäuser schon rege besetzt. Das erkennt man anhand der am Strassenrand stehenden Autos, vielfach mit leerem Anhänger und einer Kufen-Spur im Schnee, die dahinter beginnt. Sobald die Strasse langsam wieder bergab geht, wird sie begleitet von einem immer breiter werdenden Fluss. In Skaidi, einer wichtigen Strassenkreuzung (Hammerfest oder direkt Nordkap zu), wählen wir die ‘94’ und machen uns – heute leider von tief hängenden Wolken und Regen begleitet – auf nach Hammerfest, der nördlichsten Stadt Europas. Hier geht die Sonne überhaupt nicht auf vom 21.11. bis 23.1. Deshalb kaufte man Thomas Edison eine seiner ersten «Generatoren» ab…und 1891 hatte Hammerfest als erste Stadt Europas elektrisches Licht! Die Stadt liegt auf der Insel Kvaloy und diese erreicht man über eine 740 m lange Hängebrücke. Kvaloy ist eine baum- und strauch-lose, hügelige Insel, aber Rentiere können dieser Öde durchaus etwas abgewinnen, werden wir doch gewarnt, vorsichtig zu fahren. Das tun wir natürlich und können so einige Rentiergruppen mit Jungen genauer anschauen. Der Nachwuchs ist – etwa in der Grösse von unserem Luso – und auch meist beige-bräunlich, wo hingegen das Fell der Eltern weisslich ist. Sogar mitten in der Stadt begegnen wir Rentieren! Die vielen bunten Holzhäuser von Hammerfest sind links und rechts einer grossen Hafenbucht angelegt. Grosse Trawlerflotten für Küsten-, Hochsee- und Eismeerfischerei (schliesslich sind wir hier oben am Europäischen Nordmeer resp. der Barentsee) sowie ein international tätiger Fischveredlungsbetrieb (Nestlé-FINDUS als grösster Arbeitgeber der Stadt) operieren von hier aus. Auf einer vor Hammerfest liegenden Insel wird mit modernster Technik eine der grössten Anlagen zur Verflüssigung von Erdgas betrieben und die Erdölplattformen werden von hier aus versorgt. Hammerfest nennt sich auch «Eisbärenstadt» und führt eine Eisbären-Abbildung im Wappen; viele Expeditionen nach Spitzbergen nehmen hier ihren Anfang. Es sollen jährlich 250’000 Besucher nach Hammerfest kommen, ein Grossteil davon mit den Hurtigruten-Schiffen, die hier einen eigenen Kai mit Willkommens-Signet haben. Wir stellen unser ‘tuulikki’-Gespann auf einen Hügel mit Blick (wenn die Wolken weg sind) auf den Hafen, laden den RED MAX ab, fahren ins Zentrum und spazieren dort umher. Liegt es an der Jahreszeit, am Wetter oder am Pfingstsonntag? nur wenig Leute begegnen uns, kein Laden, kein Kaffee, kein Restaurant hat geöffnet! Gewusst wie: Zum Glück gibt’s im ‚my home is my castle‘ Kaffee + Chrömli! Einzig beim Kanonen-Denkmal (die Engländer haben anno 1809 während den Napoleonischen Kriegen angegriffen) und beim Monument der Naturwissenschaft, der Meridiansäule treffen wir Einheimische und Touristen. Letztere steht zur Erinnerung an die 265 Messpunkt-Setzungen zwischen 1816 und 1855, verteilt vom Schwarzen Meer 3000 km bis Hammerfest, womit eine der genauesten und grössten Projekte der damaligen Erdmessung geschaffen wurde, die heute Teil des Weltkulturerbes ist.
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